KKolumnen

Sehnsucht nach dem Wald

Neulich fand ich beim Aufräumen ein Exemplar einer Black-Metal-Zeitschrift: und erinnerte mich sofort daran, dieses vor ein paar Jahren auf irgendeinem Konzert gekauft zu haben. Ich schlug das Heft auf und sah darin eine Zeichnung des am 27. April 1857 geborenen norwegischen Zeichners Theodor Kittelsen abgedruckt. – Anfang der neunziger Jahre begann die Verwendung von Zeichnungen dieses Künstlers durch Black-Metal-Bands als Tonträgercover... Tatsächlich geniessen verschiedene Kittelsen-Bilder einen hohen Grad der Bekanntheit in der Black-Metal-Szene.

 Die Ursache für das generelle Interesse an Kittelsens romantischem Werk seitens vieler Black-Metal-Anhänger dürfte sein, dass eine tiefe Sehnsucht nach authentischer spiritueller Entfaltung sowie mystischer Verbundenheit mit der Natur ein häufiges Motiv des Black Metal ist: Es zeugen nämlich zahlreiche, vielleicht sogar die meisten seiner Arbeiten von der tiefen, spirituell-mystischen Naturverbundenheit ihres Schöpfers. – Fasziniert betrachtete ich das in dem Black-Metal-Magazin abgedruckte Bild, eine im allerbesten Sinn düster-romantische Walddarstellung, die mich rasch in den Bann schlug. Ihr Anblick bewirkte, dass vergessene Bilder und Gefühle aus dem Unbewussten auftauchten...

 Vom freischaffenden Autor Pier Hänni stammt der Satz: „Aus der Kindheit wissen wir, dass der Wald auch eine magische Zone ist.“ Und der am 25. Mai 1803 in Boston, Massachusetts, geborene US-amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson schrieb: „Auch streift der Mensch in den Wäldern seine Jahre ab wie die Schlange ihre Haut und ist, in welchem Jahre seines Lebens er auch stehen mag, doch immer ein Kind. In den Wäldern ist immerwährende Jugend. In diesen Pflanzungen Gottes herrscht Würde und Heiligkeit, eine immerwährende Festlichkeit wird bereitet, und kein Gast vermag zu erkennen, wie er in tausend Jahren ihrer überdrüssig werden sollte.“

 Wenn ich jetzt an das Bildchen in der Zeitschrift denke, wächst in mir die Sehnsucht danach, mich in einem Walde zu befinden, zugleich allerdings auch ein gewisser Ärger darüber, in letzter Zeit kaum Waldbesuche gemacht zu haben... Diesbezüglich will ich mich, der ich schliesslich ein überaus naturverbundener Typ bin, fortan wieder klüger verhalten; denn Michelangelo hat ganz richtig festgestellt: „Frieden findet man nur in den Wäldern.“

 Mit Sicherheit sind Waldbesuche bei allerlei Problemen die hervorragendste Therapie! Eine Volksweisheit lautet: „Die Natur ist die beste Heilerin.“


Erschienen in: reformiert. Seeland West; September 2013